Tauchverbot am Schlachtensee: Riesen-Wels versaut Tauchern den Spaß

taz vom 10.08.2008

Tauchverbot am Schlachtensee: Der “Monster-Wels vom Schlachtensee” lockt so viele Taucher an, dass der Bezirk das Tauchen aus Umweltschutzgründen verbietet. Dagegen klagt ein Sporttaucher.

Das tiefe Abtauchen, sich treiben lassen, allein sein. Leif Hermann Kroll genießt sein Dasein als Sporttaucher. Doch er hat ein Problem: Seit kurzem ist verboten, was schon vorher nicht erlaubt war: Tauchen in Berliner Gewässern. “Schuld ist dieses unsägliche Monster”, klagt Kroll.

Dieses unsägliche Monster ist ein großer Wels. Ein sehr großer Wels. Nachdem im Juli 2007 ein Angler ein 1,70 Meter großes Exemplar aus dem Schlachtensee gezogen hatte, wurde der bärtige Fisch in diesem Sommer wieder zum Ereignis. Ein Riesenwels soll eine Schwimmerin im selben See gebissen haben. “Der Monster-Wels beißt nur Frauen”, titelte die Boulevardzeitung B.Z. Der Beweis war erbracht, dass kolossale Fische im Schlachtensee hausen. Hobbytaucher pilgerten herbei, ein Tauchtourismus setzte ein. Angler beschwerten sich. Das wurde Kroll und den anderen Sporttauchern in der Hauptstadt zum Verhängnis.

Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf wollte sich des überholten Images entledigen, dass die bürokratischen Mühlen langsam mahlten – und handelte blitzartig: Das Sporttauchen in Schlachtensee und Krummer Lanke wurde nicht mal einen Monat nach dem Biss verboten. So vermeldet im Amtsblatt vom 11. Juli. Grund: die vermeintliche Zerstörung der Flora und Fauna durch die Taucher.

Norbert Schmidt, Sport-Bezirksstadtrat, begründet das Vorgehen: “Nachdem wir unser Ungeheuer von Loch Ness, den Wels, hatten, war täglich die dreifache Menge an Tauchern im Schlachtensee.” Vorher drei bis vier, später zwölf. Das Umweltamt wurde aktiv und fand heraus: Das Tauchen mit Gerät war schon vorher nicht erlaubt. “Das haben wir nur noch einmal im Amtsblatt veröffentlicht – nun ist es verboten.” Für Schmidt, der die derzeit im Urlaub weilende Umweltstadträtin Anke Otto vertritt, ein ganz normaler Vorgang.

Aber wie zerstören die Taucher die Flora und Fauna? “In jedem See lagern sich Schadstoffe auf dem Grund ab”, erklärt Schmidt, “und die werden von den Tauchern aufgewirbelt – das lässt sich überhaupt nicht vermeiden.” Deswegen seien die vielen Badegäste an Schlachtensee und Krummer Lanke auch weniger umweltbelastend. Die tiefen Ablagerungen erreichen sie nicht. Außerdem werde ja nur ein geringer Teil des Sees von Schwimmern genutzt. Die Sporttaucher dagegen würden den See in seiner ganzen Tiefe und Breite durchqueren.

Für Kroll ist die Begründung des Bezirks absurd: “Phosphate, die gefährlich sein könnten, liegen so tief im Sediment. Da buddelt doch keiner!” Durch die Flossenbewegungen würden zwar Sand und Schlamm aufgewirbelt, aber nur sehr wenig. Und nur von den obersten Schichten. “Der Taucher ist doch von Natur aus bemüht, nichts aufzuwirbeln, er sieht dann schließlich nichts”, erklärt Kroll. “Das führt doch seinen Tauchgang ad absurdum.”

Rechtsanwalt Kroll hat Widerspruch eingelegt. Zunächst gegen die sofortige Vollziehung des Verbots und darüber hinaus gegen die Untersagung generell. Er pocht auf das Gewohnheitsrecht: “Seit Jahrzehnten wird in Berliner Seen getaucht, keiner wusste, dass das verboten ist.” Es gebe sogar einen Tauchreiseführer für Berlin. Alle, die wie Kroll Widerspruch eingelegt haben, dürfen erstmal weiter auf Tauchstation gehen, die anderen nicht. Auch das ist für Kroll “absurd”.

Für ihn sind die Angler am plötzlichen Vollzug des Verbots schuld. “Angler verhalten sich zu Tauchern wie Manta- zu GTI-Fahrern”, scherzt Kroll. Freundschaft ausgeschlossen. Dabei hatten die Sporttaucher in den vergangenen Jahren zusammen mit den Anglern den Schlachtensee von Gerümpel gereinigt. Bei einem generellen Tauchverbot fiele das künftig aus.

Die Gefahr sieht auch Schmidt: “Vielleicht sagen die Taucher bei der nächsten Anfrage, dass ihr Bezirkspolitiker mal schön selbst die Fahrräder rausholen könnt.” Er will vermitteln – und Kroll weiter tauchen. Er darf ja. Er hat Widerspruch eingelegt.

Der Artikel erschien in der “tageszeitung” am 10.08.2008, nachlesen kann man ihn hier»